Pusteblume

- Aus Momentaufnahmen

Die Erde blutet unterm Helmkopf
Sterne fallen
Der Weltraum tastet.
Schauder brausen
Wirbeln
Einsamkeiten.
Nebel
Weinen
Ferne
Deinen Blick.
(August Stramm)

“Ich bin wie eine Pusteblume” hatte er immer gesagt. “Ich bin
deine Pusteblume. Und wenn du mich pustest, dann..”, dann hatte er immer eine kurze Pause gemacht und in den Himmel geschaut, “dann kann ich bis in den Himmel fliegen.”

Sie kannten sich, seit sie 13 waren.
Seit sie 15 waren hatten sie sich geliebt.

Es war ein Montag gewesen, als sie zusammen spazieren gegangen waren. Es war schon spät, und der Mond war besonders hell in dieser Nacht. Die Sterne schienen ein Bild gemalt zu haben, und Stefanie schaute fasziniert hinauf, während sie Michaels Hand hielt.
Er wollte mit ihr reden.
Deswegen war sie mit ihm mitgegangen.
Sie setzen sich auf eine Bank und sahen hinauf zum Himmel.
Er lachte.
“Ich würde dir jetzt einen Stern schenken, wenn mir einer
gehören würde.”
Dann machte er eine Pause, und sah sie an.
“Stefanie?”
“Ja?”
“Ich glaub, ich liebe dich”
Sie schluckte. Damit, oder mit etwas ähnlichen hatte sie gerechnet. Mehr noch, sie hatte es sich erhofft.
Jetzt war es soweit, und sie wusste nicht, was sie nun tun sollte.
Sollte sie ihn küssen? Ein: “ich glaub ich dich auch”
antworten?
Sie hörte auf zu denken. Denken war jetzt Fehl am Platz.
Dann streichelte sie ihm die Wange, lächelte und sagte: “Ich glaub,
das war jetzt ein Stern.” Dann küsste sie ihn.
Und der Kuss sollte ein Feuer entfachen, das noch Jahre brennen, und
irgendwann wehtun würde.

Die Erinnerungen taten weh. Stefanie versuchte ihre Tränen
herunterzuschlucken.
So wirklich gelingen wollte ihr das nicht. Das klappte früher nie. Mit
der Zeit wurde es aber etwas leichter.
Was heißt leichter? Mehr etwas “unschwerer”.

“Ich will nicht dass du so schnell fährst”, hatte sie 1000 mal
zu ihm gesagt. Und sie hatte sich wirklich Sorgen gemacht.
“Ach, ich weiß schon was ich tue.” hatte er immer gesagt.
Hatte er das gewusst?
Vielleicht. Aber wahrscheinlich nicht.
Stefanie hatte sich oft gefragt, ob sie es nicht hätte verhindern
können. Wäre sie vielleicht etwas härter gewesen, hätte das
was genutzt?

Vielleicht hätte sie nicht weggehen dürfen?
Vielleicht hätte sie bei ihm sein sollen.
Vielleicht wäre das alles nicht passiert.

Peter hatte danach irgendwann mal gesagt:
“Dinge passieren. Und sie passieren, weil sie entweder passieren
müssen, oder weil sie es nicht müssen. Das kann keiner sagen.”
Das hatte keinen Arsch und kein Kopf, aber irgendwas in ihrem Bauch sagte ihr, dass er vielleicht doch recht hatte.

Jetzt stand sie hier. Ein Jahr später. An genau dem Baum
Es gab Tage, da hatte sie den Baum verflucht, verwünscht und hätte
ihm am liebsten getötet.
Aber was konnte der Baum dafür.

Die Tränen rollten ihr die Wangen herab. Wie fast immer wenn sie hier
stand.
Sie wollte Abschied nehmen.
Sie versuchte es die ganze Zeit, aber sie wusste nicht wie. Jedesmal, wenn ihre Gefühle es zuließen, stand sie hier, und suchte nach einem Weg.
Sie redete, sie betete.
Aber irgendwie glaubte sie ihn nicht zu erreichen.

Die Beine wurden schwer, und sie musste sich setzen.
Die Autos die vorbeifuhren waren ihr egal. Völlig egal was sie denken
mögen. Alles Egal!

Sie wischte sich die Tränen ab und sah neben sich.
Da stand eine
(ich bin wie eine..)
Pusteblume.
Sie war ihr nie aufgefallen. War sie schon länger hier?
Oder erst seit kurzem.
War das ein Zufall?
(und wenn du mich pustest, dann flieg ich in den Himmel)
War das nicht egal?
Sie stand auf und sah die Blume an. Sie stand hier einsam. Nirgends um sie herum war noch eine zu sehen.
(in den Himmel)
Die Blume hielt ihren Blick gefangen.
(puste mich!)
Sie bückte sich, pflügte sie vorsichtig und hielt sie wie etwas
extrem wertvolles… etwas zerbrechliches.
Dann schaute sie in den Himmel.
“Ich liebe dich… Danke für alles! Auf Bald!”
Dann pustete sie.
Pustete die kleinen Samen in den Himmel.
Und dann wusste sie, dass sie einen Weg gefunden hatte.
Oder hatte er sie gefunden?


Ende

Für Wendy….

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