WKW, VZ, Facebook – und meine Paranoia

Lasst mich ein wenig in Erinnerungen schwelgen. Es ist nun schon bald 13 oder 14 Jahre her, dass ich das Internet für mich entdeckte.
Ich glaube jeder der mit seinem Verstand fassen kann, was für unglaubliche Möglichkeiten dieses damals noch recht junge Medium bietet, wird verstehen wie aufgeregt ich damals war, als ich meine ersten Schritte ins WWW gemacht hab. Es war in der Schule. Ich habe mich damals aus Interesse im Fach Informatik eingeschrieben. Meine Computerfähigkeiten waren lausig. Im 10-Finger-System hab ich völlig versagt und damals war ich mir eigentlich sicher niemals was mit Computern machen zu wollen. Aber uns wurde die Möglichkeit gegeben ein paar Minuten im WWW zu surfen. Und das war eine Versuchung der man nicht widerstehen konnte.
Die erste Seite die ich jemals aufgerufen hab war www.fireball.de, eine Suchmaschine. Das war noch vor Google. Dort suchte ich Cheats für das Spiel Turok 2 – Seeds of Evil. Mehr wusste ich bis dato nicht anzufangen. Aber das war für den jungen, n64 spielenden Alex auch schon genug um ihn glücklich zu machen.
Etliche Zeit später entdeckte ich etwas ganz großartiges. Den Chat. Man konnte hier einfach so, innerhalb von Minuten mit Leuten sprechen die auf der ganzen Welt verteilt waren. Wenn das kein Sprung ist, dann weiß ich auch nicht.
Lacht mich nur aus, ich erlaube es, aber mein erstes Pseudonym im Internet war meiner Vorliebe für das Gameboyspiel Pokemon geschuldet. Da mir nichts besseres einfiel war für einige Zeit mein Name im WWW Pikachu. Nicht sehr ausgefallen, und heute würde ich jemanden der sich so nennt wahrscheinlich von meiner Seite ausschließen ;-)
Man treibt sich in Chats rum, und lernt natürlich auch Leute kennen. Um mit denen in Kontakt zu bleiben hatte man 2 Möglichkeiten. Entweder man verabredete sich zu bestimmter Zeit im Chat, oder man tauscht Kontaktinformationen. Ein Handy hatte ich damals noch nicht, und so richtete ich mir meine erste Emailadresse Pikachuu@web.de ein. Ich weiß garnicht ob es die noch gibt. Mein Kennwort dazu hab ich auf alle Fälle vergessen. Da ich aber kein Interesse damit hab, mit diesem Namen noch weiter in Verbindung gebracht zu werden, ist das auch nicht weiter tragisch.
Die Seite auf der ich mich damals rumgetrieben hab war “Chat4free“. Gibts wohl auch heute noch, wenn auch in krass anderer Form als damals.
Damals konnte man noch viel einfacher tricksen als heute. Ich konnte den Leuten z.B. schnell vorgaukeln ich hätte spezielle Rechte in diesem Chat. So hab ich einfach ein zweites Chatfenster geöffnet und mich nochmal unter anderem Namen eingeloggt. Als dieser war ich etwas unhöflich, um dann als Pikachu den großen Aufpasser zu geben und ihn “rauszuschmeißen” indem ich das groß ankündigte und dann einfach das zweite Fenster geschlossen hab. Unglaublich aber wahr, die Leute haben mir das abgekauft und so konnte ich schon den ein oder anderen Störenfried zur Ruhe bringen, und als 13 Jähriger fühlt man sich dann natürlich auch unheimlich cool. Um den Störenfried möglichst als solchen hervorzuheben, musste der natürlich einen passenden Namen bekommen. Neben Pikachuhasser (muahaha) war das z.B. auch Virus.
Wenn mich heute jemand fragt, wie ich dazu kam mir das Pseudonym “Virus” zu geben, erzähle ich gern eine philosophische Geschichte vom Mensch der das Virus ist (eine Geschichte aus Matrix, an die ich heute tatsächlich glaube) aber im Grunde war es einfach nur der Zufall. Ich hab ihn als bösen Antagonisten für mein Chatego erschaffen, und Gefallen an ihm gefunden.
So ist mein Pseudonym Virus, seit bald 12 Jahren schon. Ich bin daran gewöhnt. Doch ich hasse es außerhalb der Computerwelt so angesprochen zu werden, aber das ist eine andere Geschichte.
Ein wenig später entdeckte ich meine erste Community. UBoot.com. Gibts heute auch noch. Damals gabs sogar Fernsehwerbung dafür. Aber das hat mich nicht dahin gezogen. Damals war es die Möglichkeit gratis SMS zu verschicken. Und zwar so viele man wollte.
Die anderen Vorzüge der Seite wurden mir erst später offenbar. Jeder User bekam eine “Nickpage” in der man ein Bild veröffentlichen konnte, ein paar Dinge über sich selbst, Links und man hatte ein eigenes Gästebuch. Diese Nickpage war auch außerhalb der Community für jeden zugänglich. Es war quasi meine erste kleine Homepage. Weiter gabs ein Emailpostfach, und einen riesigen Chat.
Auch hier hat der junge, böse Virus ein wenig getrickst. Ich hab schnell die Kniffs und Tricks gelernt, und auch die Wichtigkeit von sicheren Passwörtern. Bei vielen war es einfach. Du unterhälst dich ein wenig mit ihnen, presst unauffällig ein paar Informationen aus ihm heraus, und schon kann man leicht die Zugangsdaten erraten. Ich hab das öfter mal gemacht. Ja, ich weiß, nicht schön und nicht nett und auch nicht erlaubt. Aber man testet ja Grenzen aus, nicht wahr? Ich hab mich natürlich damit gebrüstet, und es hat nicht lang gedauert bis die UBoot-Obrigkeit auf mich zu gekommen ist, und ich musste Rede und Antwort stehen wie und warum ich das gemacht hab. Ängstlich wie der kleine Virus war, hat er einfach irgendwelchen Mumpitz erzählt, von Datenbanken und irgendwelchen ID´s die er benutzt hat, und irgendwie haben sie mir das abgekauft. Zumindest bin ich nicht weiter behelligt worden. Da ich aber viel zu viel Staub aufgewirbelt hatte, entschloss ich mich meinen Account dort löschen und mir einen neuen anzuschaffen.
Mein nächstes Trickziel war der Chat. Dort gab es Chatadmins, und User die von den Admins mit bestimmten Rechten ausgestattet werden konnten. Die Leute ruhig stellen, aus dem Raum werfen, allerlei Kleinkram. Und diese Leute konnten nun auch wieder, nach Absprache mit den Admins, anderen Leuten diese Rechte geben. Diesmal wollte ich nicht vorgaukeln ich hätte Rechte, diesmal wollte ich sie mir erschleichen. Und das gelang mir auch, wie soll es anders sein, ganz einfach. Dieser Chat arbeitete mit Chatbefehlen. Das heißt mit einem /*parameter* konnte man bestimmte Dinge hervorrufen. Mit ein bisslen rumspielen gelang es mir eine Systemnachricht zu fälschen, die den User mit den entsprechenden Rechten anwies mich mit den Rechten auszustatten. Der arme Kerl der dieser Weisung folge leistete hieß “SchwarzerAdler”. Und das schöne damals war, dass wenn du das einmal hattest, alle dachten du darfst das. Und so war ich ganz schnell “SuperUser” im Uboot.
Das war aber garnicht so toll, wie man sich das immer vorgestellt hat. Eher lästig und nervenaufreibend. Ich hab mich dann auch schnell wieder von dort zurückgezogen.
Die nächste, und letzte Community bei der ich mich angemeldet habe war Partyfans.com. Auch hierzu gibt es eine etwas unangenehme Geschichte. Diese werde ich aber jetzt nicht weiter breittreten. Vielleicht ein ander Mal.
Bei dieser Community bin ich noch heute, nun fast schon 8 Jahre. Das gute an ihr ist, bzw war, dass es lokal ist. Die meisten Leute die du da kennenlernst kommen aus der Gegend. Viele, viele Geschichten gründen sich auf dieser Internetseite. Neue Freundschaften, Liebesgeschichten, Saufgelage, hitzige Diskussionen und viel arbeit. Irgendwann hab ich mich breitschlagen lassen auf dieser Seite zu supporten. Viele, sehr viele Nutzer hätten gerne diese administrativen Rechte – aber es ist wie schon im Uboot, mehr lästig als alles andere.
Mit der Zeit kamen immer und immer mehr soziale Netze auf. Die VZ-Netzwerke, Facebook, WKW, Lokallisten und so weiter und sofort. Viele Leute sind in allen dieser Netze vertreten und tingeln den ganzen Tag hin und her. Und immer öfter werde ich gefragt: “Warum bist du da nicht angemeldet?”
Und da kommen wir zu dem Punkt, auf den ich die ganze Zeit schon kommen wollte, und wohin mein ganzes endloses Galber führen sollte.
Ich sag meistens, dass mich dann nur Leute finden, von denen ich nicht gefunden werden will. Dann kommen gleich wieder 10 Vaterschaftsklagen auf mich zu, und ich werde nur genervt.
Das ist so falsch nicht. Jeder hat im Leben so die ein oder andere Person, die er lieber nicht mehr sehen möchte. Personen die einen einfach nur auf den Sack gehen. Personen die man schon aus Prinzip nicht leiden kann. Leute mit denen man mal Kontakt hatte, es heute aber bereut. Das ist auch mit einer der Gründe warum ich auch meine fast 12 Jahre alte ICQ-Nummer kaum noch benutze. Gut, ich könnte einfach mal die Liste aufräumen. Das hab ich noch nie gemacht. Aber ich bin so schrecklich faul!
Nun, was auch immer. Ein großer Grund ist aber auch, dass ich mich aus der Internet-Welt ein wenig entfernen will. Für viele ist das Leben im Netz schon wichtiger als das da draußen. Das finde ich bedenklich. Die Menschen profilieren sich, die Menschen spionieren sich, die Menschen geben viel Privatsphäre auf. Mir persönlich bedeutet meine Privatsphäre viel. Ich habe einen sehr weiten Intimbereich. Und ich kann es nicht haben, wenn irgendwelche Leute nur gucken wollen wann ich online war, mit wem ich was wo getan habe, wer meine Freunde sind, auf welchen Verantstaltungen ich mich rumtreibe oder oder oder.
Es treiben sich viele zwielichtige Gestalten da rum. Schon bei kleinen, lokalen Community´s wie Partyfans eine ist, kommt es ständig vor, dass irgendwelche notgeilen Säcke (von 12 bis 50 ist alles dabei) sich auf widerliche Art und Weise an meine Schwester ranlassen. Jemand der ein wenig naiv ist, und keinen paranoiden großen Bruder, der dir auf biegen und brechen eingebleut hat bloß überall vorsichtig zu sein, fällt ganz schnell in irgendwelche widerlichen Löcher. Pfui!
Es ist auch sehr zeitaufwendig. Schon alleine das durchgucken nach neuen Nachrichten kostet mehrere Minuten. Du musst dir viele Nutzernamen und Passwörter merken (zumindest ein sicherheitsbewusster Mensch sollte das). Wo wir schon bei sicherheitsbewusst sind, sind wir schon bei den nächsten Paranoia: Datenschutz. Kaum einer liest mal AGB´s und macht sich klar wo er sich überhaupt anmeldet und was das für ihn bedeutet. Die Leute tragen ihre Informationen, ihre Bilder ins Internet und geben den Machern alle Rechte damit zu verfahren wie sie das möchten.
Das Schlimme ist nicht mal, dass die Betreiber so dreist sind, das Schlimme ist: Den Menschen ist es egal! Soziale Netze haben ein neues Verständnis für Privatsphäre und Datenschutz geschaffen. Wen kümmert denn, dass im Internet steht, wer man ist, was man macht, wo man wohnt, mit wem man seine Zeit verbringt und das ganze besser noch bebildert. Das sind dann hoffentlich auch die Leute, die bei einem Vorstellungsgespräch, oder von mir aus auch schon im laufenden Arbeitsverhältnis vom Chef mit peinlichen Fragen konfrontiert werden. Die, die sich nachdem irgendwas spektakuläres passiert ist, plötzlich mit Name, sexuelle Vorlieben und Kontostand bebildert in der Bildzeitung wiederfinden, und sich wundern wie sowas sein kann.
Dann stellt sich mir die Frage:
Ist man selber schuld, da man sämtliche Daten ja freiwillg reinstellt und noch bereitwillig die Rechte daran abtritt?
Oder sind es die Zuckerbergs, die die Plattform erst bieten, und die Leute so dankend in die Falle locken?
Viele vergessen, dass die Daten, mit denen da so lasch hantiert werden, ein Haufen Geld sind. Warum ist Facebook wohl nur so viel wert? Können die so trivial sein, wenn man damit so viel Geld verdienen kann?
Lirum Larum. Einer macht vielleicht ein paar Cent aus. Ich werde mit meinem “Ich mag einfach nicht” nichts erreichen.
Aber wenn mal bei mir einer in der nahem Umgebung durchdreht und mich erschießt, werde ich wenigstens nicht auf A3 in der dämlichsten Zeitung der Welt abgebildet. Schon das ist mir Grund genug.

P.S.
Kontakt halten kann man auch mit Telefon, mit Brief und, wer es digitaler mag, auch mit Emails. Das klappt prächtig! Jemand der mir sagt: Ich hab jemanden von da und da seit Jahren nicht gesehen, gehört, der kriegt nur ein müdes Lächeln. Hätte man wirklich Kontakt gewollt, so hätte man ihn hergestellt.

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