Der Kerl von nebenan

Lasst uns über den Kerl reden, der bei uns allen nebenan wohnt.

Wenn wir wissen, dass er bald zu Besuch kommt, wollen wir am liebsten umziehen (zumindest die meisten von uns).
Genauso hassen wir es, wenn er überraschend vorbeikommt und mit der Tür ins Haus fällt.
So oder so. Man will ihn nicht im Haus haben. Er müffelt unwahrscheinlich. Rennt rum wie ein alter Mönch und hat auch immer seine hässlichen Gartenwerkzeuge dabei.
Vor allem ist er schlimmer als jeder Gerichtsvollzieher. Er nimmt nicht nur das von Wert mit. Er nimmt alles mit.
Jeden. Irgendwann.

Manches kann man ihm aber zu Gute halten. Er macht keine Unterschiede zwischen arm und reich, klug und dumm, Christ und Islamist. Fünf Tage nachdem Gevatter da war, fängt jeder an zu gammeln, völlig egal was er vorher getan oder nicht getan hat.
Und er kriegt wirklich jeden! Keiner, sei er noch so klug, sei er noch so reich, kann sich freikaufen oder rauswinden. Du kannst ihm nicht entkommen. Gnadenlos. Kompromisslos. Pflichtbewusst.

Wenn man sich das so überlegt, hat er sein schlechtes Image eigentlich völlig zu unrecht.
Er tut was er tun muss. Und wir wissen, dass er das tut.
Es ist ja nicht so, dass wir einen Vertrag unterschreiben, ohne das Kleingedruckte gelesen zu haben, um dann ins kalte Wasser zu fallen, wenn da steht “Achtung – in 5 Jahren wird ausgecheckt”.
Nein. Wir wissen ganz genau was uns erwartet. Es steht groß und breit im Vertrag des Lebens drin. Sicherlich in einem der ersten Absätze.
Klar ist das nicht schön. Jeder würde es sich wahrscheinlich gerne anders aussuchen. Einen Absatz für Unkündbarkeit einfügen – mit Option auf ständige Gehaltserhöhungen. Schade nur, dass der Vertrag quasi auf ROM steht.
Das Vertragsende kommt auf uns alle zu. Und das wissen wir.
Das einzige was wir nicht wissen, ist wie und vor allem wann. Aber ich glaube das ist auch recht gut so.
Ich würde keinen Vertrag unterschreiben, für etwas, das mir ungeheuren Spaß macht, aber nur auf 2 Jahre befristet ist. Das würde mir den Spaß an der Sache nehmen. Ich würde immer nur darüber nachdenken, dass es in 2 Jahren – in anderthalb Jahren – in 2 Monaten – morgen schon wieder vorbei ist.

Gut, ich weiß dennoch, dass es irgendwann vorbei ist. Aber ich komm damit klar. Nichts ist für die Ewigkeit.
Ich weiß, dass er kommt, der Herr Gevatter. Er war schon öfter in der Nachbarschaft, und ist auch zwei, drei Mal sehr nah an meiner Tür vorbeigegangen.
Das war wie ein kalter Wind, der da durch meine Wohnung gerauscht ist und mir gesagt hat: “Dude, pass auf, die Einschläge kommen näher. Vergiss nicht, was du dir noch alles vorgenommen hast! Manchmal wird die Zeit recht knapp.”

Ich bin dem Herrn von nebenan recht dankbar, dass er sich noch nicht angekündigt hat. Ich glaube, ich werde auch meine Post nicht öffnen, wenn sein Absender draufsteht. Wenn er kommt, kommt er. Ich werde die Tasse Jagertee immer bereit halten, für den Fall, dass er vor der Tür steht. Vielleicht kann ich damit seine Laune heben, und wenn er mich dann mitnimmt, bin ich angetrunken und mutig – und trete ihm würdevoll entgegen.

Eigentlich ist er doch ein guter Kerl.
Er hat nur eine sehr undankbare Aufgabe.
Ich nehme ihm nicht übel, dass er öfter Mal in der Umgebung reingeschaut hat.
Ich tue schließlich auch was ich tun muss.

In Gedenken an Anne-Marie.
Gott hab sie seelig!

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