Kurzgeschichten

Was für ein Tag

Eigentlich war es ein Tag wie jeder andere.
Die letzten acht oder neun Monate war eigentlich nicht viel passiert. Kennt man ja. Alltag. Man lebt in den Tag hinein, schaut dass man nicht verhungert, und ist abends stolz wenn man wieder überlebt hat.
Gut, in letzter Zeit wurde es mir doch ein wenig eng. Irgendwie fühlte ich mich agiler, hatte mehr das Bedürfnis mich zu bewegen. Aber wenn das nicht geht, dann denkt man manchmal, dass die Wände auf einen zukommen.
Außerdem hatte ich das Gefühl, dass der Krach von Draußen in den letzten Wochen immer lauter geworden ist. Ich weiß nicht wer da draußen immer so rumböllern muss, aber ein wenig Rücksicht kann man ja eigentlich wohl erwarten.
Ich habe ein paar Mal energisch versucht was gegen den Krach zu unternehmen, und denke ich, sehr deutlich klar gemacht, dass mich das stört, aber gebracht hat es offensichtlich nichts.
Schlafen konnte ich trotzdem noch recht gut. Ich hab viel geschlafen die Tage und Wochen vor diesem Tag, und ich hätte das wahrscheinlich auch weiter so gemacht, wenn eben nicht passiert wäre was passiert ist.
Als ich an diesem Tag nach einem Schläfchen aufgewacht bin, hatte ich schon so ein seltsames Gefühl. Ich konnte es nicht wirklich einordnen. Rückwirkend betrachtet denke ich, dass ich da schon wusste, dass die Zeit gekommen war, dass es Zeit war zu gehen. Aber damals wusste ich das nicht, und war deshalb doch ein wenig unruhig, nervös.
Alles um mich herum schien sich heute zu verändern. Nicht wirklich. Bei mir war eigentlich alles wie immer. Aber es war mehr außerhalb, über mir, um mich. Wissen sie was ich meine? So wie das unruhige Gefühl vor einem Sturm. Da ist nichts greifbares, und doch spürt man dass da was kommt.
Ja, so in etwas fühlte sich das an. Wie ein nahender Sturm.
Und der kam wirklich.
Ich hatte grade ein weiteres Schläfchen gemacht, als mich eine Art Poltern aufweckte. Als ich die Augen öffnete, war alles sehr verschwommen, mir war ganz schummerig, schwindelig. Alles um mich herum schien sich zu bewegen und obwohl es eigentlich ruhig war, hatte ich das Gefühl, dass überall um mich rum Krach und Hektik war. Ich dachte, ohne zu wissen warum: ‚Jetzt ist es soweit’.
Ich schloss meine Augen wieder, aber das schwindelige Gefühl ging einfach nicht weg. Alles drehte sich um mich herum, und meine ganze Umgebung schien sich zu verändern.
Plötzlich fühlte ich mich auch unheimlich eingeengt, nicht mehr in der Lage mich zu bewegen.
Ich wehrte mich. Stemmte mich dagegen. Ich wollte schlagen, ich wollte treten aber da war nichts zu machen. Keine Chance.
Als ich die Augen wieder öffnete glaubte ich so etwas wie einen Tunnel zu sehen. Und am Ende – da war so was wie Licht.
Und es wurde heller.
Nochmal versuchte ich mich dagegen zu stemmen mich zu winden, und mich zu wehren. Hätte ich schreien können, hätte ich geschrien.
Irgendwann ist mir die Kraft ausgegangen, und resigniert ließ ich mich einfach treiben. Es geschehen.
Das Licht wurde heller. Es kam näher.
Da waren auch Stimmen. Viele Stimmen die durcheinander redeten. Schreie.
Das Licht wurde noch heller. Die Stimmen lauter.
Ich schloss die Augen und ließ allen Stress und alle Angst hinter mir.
‚Was geschehen soll geschieht’ hab ich mir selber noch gesagt und tauchte dann ganz in das Licht ein…

 
… und zum Ersten Mal, sah ich richtiges Licht. Um mich herum viele Leute, alle komisch angezogen. Ich konnte schreien – also schrie ich. Ein Mann mit Maske hielt mich in seinen Händen und ein anderer Mann schnitt mit einer Schere durch, was mich in meiner früheren Heimat festgehalten und versorgt hatte. Ich wurde kurz von allen Seiten angeschaut, etwas abgewischt und schon gings zu einer Frau die mich lächelnd in ihre Arme nahm. Sie sah sehr angestrengt und fertig aus – aber in ihren Augen konnte man deutlich sehen, dass sie sehr glücklich war.
Dafür fehlts mir an Verständnis – das war nur Stress!
Was da um mich herum passierte war mir herzlich egal.
Ich wollte nur eins: Ruhe und schlafen! Das hab ich dann auch gemacht.

 

Was für ein Tag!

 

 

 

Vorort (1)

Vorort
(Ein Gespräch)

Manchmal bin ich es leid. Es ist ein undankbarer Job.
Ich weiß, der Job muss gemacht werden, es ist echt wichtig und so. Aber ich frag mich echt manchmal, was der Boss sich dabei gedacht hat. Es liegt mir fern ihn irgendwie in Frage zu stellen. Wenn einer weiß was er tut, dann er! Und wahrscheinlich gibt’s da draußen nur wenige die den Job machen können. Ach, was rede ich? Natürlich gibt’s da nur wenige die das können. Die meisten da draußen sind Schwachköpfe. Taugen nicht mal für die Unteren. Leben dumm ihr dummes Leben und sind meistens noch glücklich dabei.
Beneidenswert.
Ich glaube mein Bereich ist einer der Schlimmsten. Mag sein, dass das jeder von uns über seinen Bereich sagen würde – aber die Meisten sind auch Weicheier. Der Boss wusste schon wen er wo aussetzen kann. Von den Flachpfeifen würde hier keiner lange aushalten.
Ja ganz recht – ich bin was Besseres als die als die anderen. Zumindest als die meisten. Das mag überheblich klingen, durchaus, aber die Geschichte gibt mir recht. Ich bin mit am Längsten dabei. Als ich angefangen hab war das hier ein Sauhaufen. Ein richtiger Sauhaufen. Mein Vorgänger mag vor Urzeiten mal einen guten Job gemacht haben – aber irgendwann ist die Ecke schlimmer geworden, und er hat wohl irgendwann den Überblick verloren. Da hat der Boss mich geholt.
Es leckt noch an einigen Ecken, das gebe ich zu. Aber im Großen und Ganzen hab ich das Ding wieder unter Kontrolle gebracht. Kontrolle ist wichtig. Alles steht und fällt mit der Kontrolle. Alle Projekte die anstehen werden foppen, wenn der Laden nicht unter Kontrolle ist.
Damit liegt einem natürlich ein scheiß Haufen Verantwortung auf den Schultern. Und das ist es was mich eigentlich ankotzt. Nicht der Job an sich – sondern einfach die Tatsache, dass wenn etwas schiefgeht, es mein Arsch ist der dann brennt. Manchmal fühle ich mich wie eine schlecht bezahlte Hure. Man muss es nehmen wie es kommt, scheißegal ob man Lust darauf hat oder nicht. Kündigen kann ich nicht. Verantwortung. Blabla.
Aber alles Jammern hilft nichts. Der Job muss gemacht werden. Wir haben doch alle keine Wahl. Wissen zwar nur die wenigstens, aber es ist so.

Antworten. Alle Welt sucht nach Antworten.
Ich kenne Antworten. Und geht’s mir davon besser? Ich würde wohl Luftsprünge machen. Das tu ich aber nicht, weil so etwas einfach lächerlich aussieht. Außerdem gibt’s auch keinen Grund dazu. Es ändert alles nix.
Stell dir vor, nur so als Beispiel, wenn dir jemand sagen könnte wie und wann du stirbst, würdest du es wissen wollen? Wenn du jetzt sagst ‚ja’, bist du ein Horst. Es wird nichts ändern. Eher wird es dir den Spaß am Leben nehmen, als dass es dir irgendwie nützlich sein kann. Leute die ihr Leben erst leben, wenn sie wissen dass es endet sind eh jämmerliche Heuchler. Jeden Tag seh´ ich solche Leute, und kann nicht mal mehr Mitleid empfinden. Früher tat ich das vielleicht. Heute ist das eher Verachtung. Ich könnte ihnen ins Gesicht kotzen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Du willst Antworten nicht wahr?
Nun, wenn du so scharf drauf bist – bitte. Aber ich warne dich vor. Du wirst niemals eine befriedigende Antwort finden. Darauf geb ich dir mein Wort – und das hab ich noch nie gebrochen…

Fortsetzung folgt

Unten am Fluss

“Mami?”
“Ja, mein Schatz?”
“Darf ich ein wenig unten am Fluß spielen?”
“Natürlich, aber bleib in Rufweite!”
“Mm Mm”, nickte das Kind und rannte fort.
Die Mutter sah ihm kurz nach, und widmete sich dann wieder den Pilzen, die sie
hier zu finden hoffte.

Das Kind (nennen wir es Lisa) war grade am Ufer angekommen und wollte sich nach Steinen bücken um sie ins Wasser zu werfen, als sie ein Stück weiter eine Frau am Wasser stehen sah. Sie sah traurig aus, vielleicht weinte sie sogar. In der Hand hatte sie was spitzes, vielleicht ein Messer, Lisa konnte es nicht genau erkennen.
‘Man darf nicht mit fremden reden’ hat ihre Mama immer gesagt. Aber Mama war ja in der Nähe. Lisa drehte sich um, und sah ihre Mutter garnicht so weit weg. Wenn etwas war, konnte sie immer noch nach Mama rufen oder? Die Frau war traurig. Vielleicht wollte sie gedrückt werden? Lisa wollte auch immer gedrückt werden wenn sie weinte.
Langsam ging Lisa auf die komische Frau zu. Die schien sie garnicht zu bemerken. Sie schaute auf das Wasser. Als Lisa näher kam, konnte sie hören wie sie schniefte, und jammerte.
“Hallo!” rief sie und lächelte die Frau an. Sie hatte tatsächlich ein Messer in der Hand.
Die Frau schien erst nicht zu reagieren. Grade wollte Lisa nochmal ‘Hallo’ sagen. Da drehte sie sich um, und Lisa sah ihr tränenüberströmtes Gesicht. “Geh weg, kleines. Das hier ist nichts für dich!”
Lisa sah sie mit großen Augen an.
“Magst du gedrückt werden?”
Überrascht schaute die Frau Lisa an. Dann lächelete sie.
“Wie heißt du kleines? Und wie alt bist du?”
“Ich heiße Lisa, und werd schon bald 5!”
“Nun, dann hallo Lisa. Ich bin die Marianne, und werd bald 35. Also
sollte ich zumindest.”
Diesen Satz verstand Lisa nicht. Aber sie dachte nicht darüber nach.
“Warum weinst du? Hast du dir wehgetan?”
Marianne lächelte.
“Ja, vielleicht ein bisschen. Ich hab mir mein Herz weggetan, weißt
du?”
“Bist du hingefallen?”
Sie lachte.
“Nein. Mehr gegen einen Wand gelaufen.”
“In Echt?”
“Naja… Weißt du, ich war einfach dumm. Ich hab gedacht ich kann
ihn ändern, ich hab gedacht es wird alles schön und gut. Aber ich war
dumm.”
“Hm, wer denn?”
“Mein Freund. Also, jetzt nicht mehr. Denke ich. Ich bin
weggelaufen.”
“Aber man darf doch nicht weglaufen. Sagt Mami immer. Sonst macht sich
immer jemand Sorgen, und wird ganz traurig und so.”
“Ach, kleines, um mich macht sich keiner Sorgen”
“Nein, das glaub ich nicht. Du hast bestimmt auch eine Mama.”
Marianne dachte kurz nach. Ja. Natürlich hatte sie eine Mama. Aber sie
sahen sich nur selten. Nur wenn sie es musste.
“Ja, aber meine Mami und ich streiten uns auch immer.”
“Na und? Ich streit mich auch immer mit der Mami. Aber sie hat mich trotzdem noch lieb. Und ich sie doch auch. Ganz wirklich. Hast du deine Mama denn nicht lieb?”
Wieder lächelte Marianne. Vielleicht sollte sie ihre Mutter doch öfter mal anrufen. Auch mal einfach so.
“Natürlich hab ich sie lieb. Doch.”
“Also! Dann darfst du nicht weglaufen. Wenn du traurig bist, kann sie
dich doch trösten. Und wenn du magst, kann ich dich auch mal drücken.
Sowas hilft mir immer.”
Marianne lächelte sie an. Legte das Messer auf den Boden und streckte die Arme aus.
“Okay.”
Lisa lächelte und drückte sie ganz fest.
“Danke” flüsterte Marianne ihr ins Ohr, und wischte schnell die
Träne weg, diesesmal eine schöne Träne.

“Lisa!” hörte man jetzt die Mutter rufen. “Komm her, wir müssen gehen”.
Lisa schaute Marianne und lächelte. “Ich muss jetzt gehen”
“Ja, ich höre es. Geh schnell, bevor sie sich Sorgen macht.”
Lisa ging langsam ein paar Schritte rückwärts. Lächelte, winkte, drehte sich um und lief schnell davon.
Marianne sah ihr noch eine Zeitlang nach. Dann fiel ihr Blick auf das Messer, das noch am Boden lag. Der Gedanke jetzt zu gehen, jetzt Schluß zu machen, war ihr
plötzlicher fremder und ferner als der Gedanke dass sie jetzt auf der Stelle fliegen konnte.
Die kleine hatte sie beeindruckt, hatte sie getröstet, hatte sie gerettet.
Sie war noch nicht zu alt. Nein, wirklich nicht. Vielleicht könnte sie auch noch ein Kind bekommen – Vielleicht sogar bald.

Ende

Für Veyda!

(aus Momentaufnahmen)